URZELNZUNFT

 

Geretsried hat einen ansehnlichen Bevölkerungsanteil mit siebenbürgischen Wurzeln, auch viele ehemalige Agnethler Familien haben sich dort niedergelassen. Die Urzelnzunft Geretsried hat sich 1986 gegründet, damals waren es zwölf Urzeln, die die eigenen oder geborgten Urzelanzüge anlegten und losliefen. Ihr Leiter war damals Horst Wagner, heute ist es dessen Sohn Peter. Mittlerweile ist unsere Gruppe auf über 50 Mitglieder gewachsen.

1986 hatte die Stadt Geretsried alle Vereine und Landsmannschaften aufgerufen, sich beim ersten Faschingsumzug der Stadt zu beteiligen. Nach längerer Überlegung erklärten sich die Urzeln bereit, die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen zu vertreten. Dabei war der Urzelbrauch hier völlig unbekannt, sowohl bei der alteingesessen Bevölkerung, als auch unter den Siebenbürgern. Im ersten Faschingszug stachen die Urzeln daher besonders hervor und wurden darum im darauffolgenden Jahr wieder zum Mitmachen aufgerufen. Da waren es bereits 21 Urzeln, darunter vier Frauen und zwei Reifenschwinger (Peter und Dieter Wagner).

Wir haben inzwischen Mitglieder und Anhänger aus ganz Siebenbürgen. Das ging nicht immer ohne Probleme ab. Das Peitschenknallen musste erlernt werden, die Anzüge mussten korrekt und das Zubehör musste vollständig sein.

Der Umzug findet immer am Faschingsdienstag statt. Und gleich beim ersten Mal hätte es fast ein Unglück gegeben. Michael Herberth, schon im Urzelanzug, lief an jenem Dienstag noch schnell in die Bank, um Geld abzuheben. Dort waren alle so erschrocken, dass sie die Hände hoben, weil sie an einen Banküberfall glaubten. Die Skepsis der Bevölkerung uns Urzeln gegenüber war zu Beginn sehr groß. Wir mussten behutsam vorgehen, um ihr unseren Brauch langsam näherzubringen. So durfte zuerst niemand das In-die-Peitsche-Nehmen praktizieren, und jeder sollte nur bei genügend großem Abstand zum Publikum mit der Peitsche knallen. Jeder von uns musste auch die Geschichte des Urzelbrauches kenne, damit die Zeitungsreporter auch die richtigen Angaben bekamen. Denn diese stürzten sich natürlich auf uns. Es gab endlich mal wieder was Neues.

Nach drei Jahren blieben die Urzeln im Umzug die einzige Gruppe und sind es noch heute. So erhielten sie die Aufgabe, den Bürgermeister aus dem Rathaus zu holen und ihn zum Festplatz zu begleiten. Dort demonstrieren die Urzeln dann ihre Peitschkünste und die Reifenschwinger zeigen im großen Urzelkreis ihr Können. Heute sind die Urzeln zum festen Bestandteil des Faschingsdienstags geworden. Bereits am Freitag davor treffen wir uns, um das Urzelkraut mit sehr vielen Krautwickeln, für den Samstag vorzubereiten und zu kochen. Bei der Gelegenheit hat manch junge Urzelin und manch junger Urzel das Krautzubereiten erlernt. Am Samstag gibt es dann Krautessen und Tanz. Hier können wir schon auf einen festen Gästebestand blicken, zu dem auch Nicht-Siebenbürger gehören, die dieses Kraut vorher nicht kannten, inzwischen aber davon begeistert sind. Seit 2019 werden wir ebenfalls in die Nachbarstadt Wolfratshausen zum Faschingsumzug eingeladen.

Wie gut die Urzeln in Geretsried aufgenommen und angenommen sind, beweist ein Kinderbuch, das völlig ohne Zutun der Urzelnzunft entstanden ist: 2018 hat die Stadt ein 48 Seiten starkes Heft über den Heimat- und Sachkundeunterricht an der Grundschule drucken lassen, in dem ein kleiner Urzel durch die Geretsrieder Stadtgeschichte führt. Mal fährt er Fahrrad, mal lässt er die Füße ins Wasser hängen und entspannt sich, mal schwingt er die Peitsche. Es hätte auch ein anderes Maskottchen sein können, aber der Urzel sei laut Bürgermeister Michael Müller „typisch Geretsried“.

Zu den besonderen Auftritten unserer Zunft gehören die Besuche beim Umweltminister Wolfang Gröbl in Bonn (1990), bei Landrat Manfred Nagler in Bad Tölz (1997), sowie bei Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber in der Bayerischen Staatskanzlei (1990 und 1998).

Kreisgruppe Bad Tölz-Wolfratshausen

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