60 Jahre Kreisgruppe Bad Tölz – Wolfratshausen


Ihr 60-jähriges Bestehen beging die Kreisgruppe Bad Tölz-Wolfratshausen am letzten Mai-Wochenende mit zweitägigen Jubiläumsfeierlichkeiten, einschließlich einem Gottesdienst, dem Festakt und abendlichen Jubiläumsball am Samstag sowie einem Singspiel der Theatergruppe Geretsried am Sonntag (Bericht folgt in der nächsten Ausgabe dieser Zeitung). In ihrer Festrede würdigte die Bundesvorsitzende unseres Verbandes, Herta Daniel, die Kreisgruppe Bad Tölz – Wolfratshausen, deren Vorsitz sie selbst 2002 bis 2008 innehatte, als „eine der stärksten und aktivsten des Landesverbandes Bayern“. An dem dreieinhalbstündigen Festakt mit vielfältigem Kulturprogramm nahmen Vertreter der Stadt Geretsried und des Landkreises Bad Tölz-Wolf­ratshausen wie auch befreundeter Vertriebenenverbände teil.

Foto: Christian Schoger

Sogenannte Vertriebenenstädte sind nach dem Zweiten Weltkrieg in der Regel aus Flüchtlingslagern entstandene Städte, wo sich Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, dem Sudetenland oder anderen Gebieten Mittel- und Osteuropas ansiedelten. Beispiele in Bayern sind u. a. Traunreut, Waldkraiburg und eben Geretsried im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Auf dem heutigen Stadtgebiet von Geretsried (Stadterhebung am 27. Juli 1970, heute rund 24 000 Einwohner) standen während des Zweiten Weltkriegs noch zwei große Sprengstofffabriken. Die ersten Heimatvertriebenen kamen 1946 an. Vor über 60 Jahren lassen sich dann auch die ersten Siebenbürger Sachsen hier nieder. 1956 gründet ein gutes Dutzend Landsleute unter der Leitung von Karl Friedrich Theil in Geretsried eine lands­mannschaftliche Kreisgruppe. Sechs Jahrzehnte später begeht man nun dieses stolze Jubiläum unter dem Vorsitz von Gerlinde Zurl-Theil die seit 2008 an der Spitze der 618 Mitgliedschaften zählenden Kreisgruppe steht.

Biblische und politische Predigt: Verbinden statt Ausgrenzen

Freiheit wird gemeinhin und insbesondere bei uns Siebenbürger Sachsen großgeschrieben, freie Sitzplätze waren aber gottlob Mangelware bei der Festveranstaltung im Saal der Ratsstuben wie auch zuvor im mittäglichen Gottesdienst.

Feierliche Atmosphäre in der Petruskirche. Viele Trachtenträger, Fahnenabordnungen nahe dem Altar, oben auf der Orgelempore der von Re­nate Klemm geleitete Gemischte Chor der Kreisgruppe. Die Predigt hält der evangelische Dekan von Bad Tölz Martin Steinbach über den vom Apostel Paulus abgefassten Epheserbrief, Kapitel 2, Vers 17-22. Der Theologe spricht aktuelle europapolitische Entwicklungen kritisch an: „Wir müssen heute wieder von Paulus lernen, und zwar von Grund auf! Wir leben mittlerweile wieder in einem Europa, das sich voneinander abgrenzt. Die Nationalisten von Österreich, über Ungarn, Polen, Frankreich und England sind auf dem Vormarsch. Auch hierzulande bilden sich am rechten Rand gefährliche Potenziale. Jeder sieht vor allem sich selbst, sein Wohl, seine Tradition, seinen Glauben, seine Kultur, und jeder grenzt sich ab – mittlerweile buchstäblich mit neuen Zäunen, aber auch mit markigen Parolen. Mir macht das Angst. Es bleibt nicht nur die Menschlichkeit auf der Strecke, sondern auch die Zukunft. Paulus möchte die Unterschiede nicht gegeneinander stellen, sondern verbinden, möch­te das, was anders ist als wir, auch wertschätzen. Das ist gelebte christliche Tradition.“ Unter Orgelklängen verlassen die Gottesdienstbesucher die Petruskirche. Die Mittagssonne strahlt. Ein stattlicher Festzug schreitet, die Trachtenträger vorneweg, zu den Ratsstuben, wo ab 15 Uhr der Festakt beginnt.

Foto: Christian Schoger

"Wertvolle Gemeinschaft in unserem Landkreis"

Nach dem Einzug der Fahnenabordnungen und Tanzgruppen, der Eröffnung durch den auf der Bühne versammelten Gemischten Chor sowie Emma Zimmermanns Gedichtvortrag „Einst zogen die Sachsen ostwärts“ begrüßt die Kreisgruppenvorsitzende Gerlinde Zurl-Theil die Saal­­gäste zum Festakt. Unter den Ehrengäs­ten werden herzlich willkommen geheißen: stell- ­vertretend für die Stadt Geretsried der Dritte Bürgermeister Gerhard Meinl, aus dem Landtag der Stimmkreisabgeordnete des Stimmkreises Bad Tölz-Wolfratshausen / Garmisch-Partenkirchen, Martin Bachhuber, der Landrat des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen, Josef Niedermaier, unter den anwesenden Stadträten von Geretsried Landsmännin Gerda Bretz mit ihrem Gatten, aus der Nachbarstadt Wolfratshausen der Dritte Bürgermeister Helmuth Holzheu und Altbürgermeister Reiner Berchthold mit Gattin, seitens unseres Verbandes die Bundesvorsitzende Herta Daniel als Festrednerin, Andreas Roth in Doppelfunktion als Stellvertretender Landesvorsitzender von Bayern in Vertretung des Landesvorsitzenden Werner Kloos sowie als Landesjugendleiter der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend (SJD) in Bayern, die Kreisgruppenvorsitzenden aus Nürnberg, Inge Alzner, Ingolstadt, Manfred Binder, aus Rosenheim, Volkmar Kraus mit Gattin, und Fürstenfeldbruck, Horst Schuster mit Gattin, ferner der Vorsitzende der Bayerisch-Siebenbürgischen Gesellschaft und Bezirksvorsitzende der Union der Vertriebenen und Aussiedler (UdV) Oberbayern, Andreas Orendi, nicht zuletzt die erschienenen Vertreter der ortsansässigen Landsmannschaften bzw. Vereine der Banater Schwaben, der Deutschen aus Ungarn, der Eghalanda Gmoi, der Sudetendeutschen und der Südostdeutschen, vom Sozialverband VdK und dem Arbeitskreis Historisches Geretsried.

In ihrer Begrüßungsansprache zitiert Zurl-Theil den Verbandspräsidenten Dr. Bernd Fabritius, MdB aus seinem Grußwort in der Festschrift, der, an die Mitglieder der Kreisgruppe Bad Tölz – Wolfratshausen gerichtet, schreibt: „Sie können auf das Erreichte stolz sein. Sie sind eine Bereicherung der Kulturlandschaft Ihrer bayerischen Heimat, Sie waren aber auch für viele alteingesessene Mitbürger über lange Jahre hinweg das einzige Tor zu Siebenbürgen, zu den Wurzeln Ihrer Mütter und Väter.“ Fabritius unterstreicht: „Offenheit nach außen bei gleichzeitigem Zusammenhalt nach innen“, dies sei „das Selbstbildnis, das die Siebenbürger Sachsen auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen nachhaltig und lebensbejahend geprägt haben“.

Gerhard Meinl, Der Dritte Bürgermeister von Geretsried erinnert in seinem Grußwort an die An­kunft der ersten Flüchtlinge. Die Eltern des Juristen stammen aus dem Sudetenland. Ende der 1970er Jahre sei er nach Siebenbürgen gereist und habe Hermannstadt, Kronstadt, Schäßburg und Mediasch besichtigt. Die Siebenbürger Sachsen seien integrativer Bestandteil der Geretsrieder Gemeinschaft, die Meinl so beschreibt: „Wir sind keine Flüchtlinge, sondern wir leben zusam­men, in den Kulturen, im Respekt voreinander, im Respekt vor der Tradition und der Identität einer jeden Gruppe, die hier nach dem Krieg eine neue Heimat gefunden hat. Der gegenseitige Respekt ist durch Arbeit und Fleiß entstanden.“

Landrat Josef Niedermaier dankt den Siebenbürger Sachsen ausdrücklich für ihren wichtigen Beitrag dazu, dass der Landkreis Bad Tölz-Wolf­ratshausen in Studien so gut abschneide, sei es in wirtschaftlicher Hinsicht oder was die Lebens­qualität anbelangt, und spricht von einer „Erfolgsgeschichte der bei uns beheimateten Vertrie­benen“. In hohem Maße beeindrucke ihn die identitätstiftende, generationenübergreifende Kultur- und Traditionspflege der Landsleute aus Siebe